Incontro con studenti Università Regensburg

Salvatore Giuliano und das Mysterium an der „Portella della Ginestra“

Giuseppe Casarrubea

Giuseppe Casarrubea

Besuch bei dem Historiker Giuseppe Casarrubea

von Gabriele Sigg

Robin Hood, der „König der Diebe“, stellt den Prototyp eines in der Bevölkerung geachteten Sozialrebellen dar. Salvatore (Turi) Giuliano galt in Sizilien als so ein „Robin Hood“ – zumindest bis er bei dem Attentat an der „Portella della Ginestra“ angeblich auf arme Bauern schießen ließ. Bei dem Vorfall an der „Portella“ am 1. Mai 1947 handelt es sich um das erste einer ganzen Reihe von geheimnisvollen Mysterien nach dem Zweiten Weltkrieg in Italien. Bis heute wird über die Hintergründe gerätselt. Welche Rolle spielte Salvatore (Turi) Giuliano, der sog. „König von Montelepre“, tatsächlich bei dem Attentat?

Hintergrund: Was ist ein Sozialrebell? Das Beispiel Salvatore Giulianos >>

Wir machten uns am letzten Tag unserer Exkursion auf nach Partinicio, um von dem Historiker Giuseppe Casarrubea mehr über den Vorfall an der „Portella della Ginestra“ und über Salvatore Giuliano zu erfahren. Das Städtchen Partinicio liegt nicht weit entfernt von Montelepre, dem Heimatort Giulianos, sowie den Bergen, in denen sich der Bandit versteckt hielt. Auf der Busfahrt führten wir uns noch einmal vor Augen, wer Salvatore Giuliano genau war.

Bei Professor Casarrubea begrüßten uns sofort jede Menge Bücherregale, Prozessakten und Dokumente, welche uns lediglich erahnen ließen, dass hier jemand äußerst eifrig Forschungsarbeit betreibt. Der Professor erklärte uns, er sei gerade dabei, ein Archiv mit Geheimdienstdokumenten aufzubauen…. Wir baten ihn zunächst, uns seine Version der komplizierten Geschehnisse an der „Portella della Ginestra“ zu erläutern, bevor wir dann unsere Fragen stellen würden, wozu Casarrubea auch bereit war. Er schickte dabei voraus, dass er sich weniger für die offizielle Geschichtsschreibung interessiere, sondern vielmehr dafür, was sich unterhalb derselben befände. Er sehe sich als einer, „der Löcher bohre“. Professor Casarrubea holte erst einmal weit aus, um uns die komplexen Verstrickungen des Vorfalls an der „Portella della Ginestra“ verständlich zu machen.

Politische Situation

Um das Geschehen an der „Portella della Ginestra“ begreifen zu können, so Giuseppe Casarrubea, ist eine genaue Kenntnis der damaligen politischen Situation erforderlich. „Nichts ähnelt dem mythischen Denken mehr als die politische Ideologie“ (Lévi-Strauss 1967: 23).

Am 1. Mai 1947 wurde an der „Portella della Ginestra“, als dort Bauern ihre traditionelle jährliche 1. Mai Kundgebung abhielten und dabei auch den Sieg des politisch links orientierten „Volksblocks“ bei den ersten sizilianischen Regionalwahlen im Jahre 1947 feierten, auf die Menschenmenge geschossen. Dabei kam es zu einer ganzen Reihe von Toten sowie zahlreichen Verletzten. Die Presse sprach von sieben Toten, laut Polizeiangaben sollen es zwei bis drei gewesen sein. Casarubbea hingegen hält es für angemessener von elf Toten und 30 Verletzten auszugehen ohne diejenigen einzukalkulieren, die an den Spätfolgen ihrer Verletzungen starben. Wie konnte es zu diesem Vorfall kommen und welche Rolle spielte dabei Salvatore Giuliano?

Sizilien war im Frühsommer 1943 vom Faschismus und den Deutschen befreit worden, und zwar als erste Region Italiens. Der Mafia war sehr an der Beendigung des Faschismus gelegen gewesen, da sie unter dem Regime sehr zu leiden gehabt hatte. Mussolini war nicht gewillt gewesen, mit der Mafia einen „Staat im Staate“ zu dulden und hatte bereits in den 20-er Jahren mit Cesare Mori einen „eisernen Präfekten“ geschickt, welcher zumindest das „Fußvolk“ der Mafia weitestgehend unschädlich gemacht hatte – mit welchen Mitteln auch immer. Als nun die Befreiung Siziliens anstand, war die Mafia mehr als bereit, den „Befreiern“ – konkret den Amerikanern – „unter die Arme zu greifen“. Vieles spricht dafür, dass diese Hilfe – konkret die der sikuloamerikanischen Mafia (1), geführt damals von Lucky Luciano – gerne angenommen wurde, als Amerikaner und Briten gemeinsam die „Operation Husky“, wie die Befreiung Siziliens im Code genannt wurde, vorbereiteten.

Tatsächlich gelang die Befreiung Westsizilien, wo sich traditionell die Hochburgen der Mafia befinden, innerhalb nur eines Monats, und zwar ohne größere Menschenopfer auf Seiten der Amerikaner. Ganz anders dagegen im östlichen Teil Siziliens, welcher von den Briten befreit wurde: Dort fanden heftige Kämpfe statt und viele Soldaten verloren ihr Leben. Nach der Befreiung wurde Sizilien zunächst von der Amgot -Militärregierung (2) verwaltet, welche in ca. 80 % der sizilianischen Kommunen bekannte Mafiosi in hohe politische Positionen einsetzte. In den 40-er Jahren erstarkte in Sizilien auch die Bauernbewegung, welche sich die Befreiung von den Großgrundbesitzern und eine Landreform zum wichtigsten Ziel gesetzt hatte. Die Großgrundbesitzer und die gabellotti (= mafiose Großpächter) wollten dies aber verhindern, da zu der damaligen Zeit die Landwirtschaft noch ein lukratives und folglich mafios kontrolliertes Geschäft war.

1945 wurde bei der „Konferenz von Jalta“ die Welt von den Großmächten in eine „kommunistische“ und in eine „demokratische“ Machtsphäre aufgeteilt, wobei Italien dem Westen zufiel. Kurze Zeit später begann dann der „Kalte Krieg“. Zweifelsohne gab es nun von verschiedenen Seiten Interesse daran, dass die erste gewählte italienische Nachkriegsregierung keinesfalls politisch links – oder gar kommunistisch – ausgerichtet sein sollte. Schon damals befanden sich in Italien die Hochburgen der Linksparteien im Norden des Landes. Die Hoffnungen der Mitte-Rechts-Parteien richteten sich dementsprechend ganz auf Süditalien. Bei den sizilianischen Regionalwahlen von 1947 jedoch, erzielte der linke „Volksblock“ wider Erwarten einen Wahlsieg, womit nun eine – in den Augen der Kommunismusgegner – höchst gefährliche Situation eingetreten war. Tomaso Davide war zu dieser Zeit der Anführer der Neofaschisten in Italien. Die Mafia sollte helfen, die anzustrebende „Ordnung“ aufrechtzuerhalten. Casarrubea ordnete den Vorfall an der „Portella della Ginestra“ in den globalen Kontext ein. Aufgrund seiner geopolitischen und strategisch wichtigen Lage hatten die Amerikaner ein großes Interesse daran gehabt, den Staat Italien und v.a. Sizilien „schwach“ zu halten, denn Sizilien wurde als eine Art „Einlauftor“ zu Europa hin betrachtet. Eine auf den ersten Blick regionale Unruhe, erhält somit auf den zweiten Blick eine globale Dimension.

Es ist bis heute unklar, wer letztlich alles bei dem Attentat an der „Portella della Ginestra“(3) geschossen hat, wer genau die „Drahtzieher“(4) waren und was mit dem Terrorakt erreicht werden sollte. Die offizielle Meinung, dass nur Salvatore Giuliano und seine Bande an der Gewalttat beteiligt gewesen waren, möchte Giuseppe Casarrubea jedenfalls widerlegen (vgl. Casarrubea 2002). Es scheint in jedem Fall eine neofaschistische Beteiligung gegeben zu haben und auch „Fra Diavolo“ (Salvatore Ferreri) spielte eine Rolle. Dass die offizielle Version zu hinterfragen ist, erhärtet sich auch durch die Obduktion der Erschossenen und Aufnahmen der Wunden der Verletzten. Besagte Wunden konnten unmöglich von einfachen 20mm Waffen, wie sie Giuliano besaß, verursacht worden sein, sondern stammten vielmehr von schwer zugänglichen Kriegswaffen. Dieses Faktum wurde aber offiziell „vertuscht“ und die Tat wurde insgesamt Salvatore Giuliano untergeschoben. Vielleicht mit dem Versprechen in die USA auswandern zu dürfen, überlebte Giuliano noch einige wenige Jahre – letztlich bezahlte er aber sein Schweigen über die wahren Hintergründe des Attentats an der „Portella“ mit dem Tod. Nach offiziellen Angaben kam Giuliano 1950 bei einem Feuergefecht mit der Polizei in Castelvetrano ums Leben, eine Version, welche aber schon sehr bald als unwahr entlarvt wurde.

Ähnlich unklar ist der Tod seines Cousins Gaspare Pisciotta im Jahre 1954. Dieser wurde kurze Zeit, nachdem er angekündigt hatte, er wolle nun aussagen, was sich wirklich an der „Portella della Ginestra“ zugetragen hätte, ermordet. Der Staatsanwalt Pietro Scaglione besuchte Pisciotta kurz vor dessen Tod im palermitanischen Ucciardone-Gefängnis – ohne allerdings dessen Aussage protokollieren zu lassen… Casarrubea hält die Erklärung, Gaspare wäre mit Strychnin im Kaffee bzw. in der „getarnten“ Medizin, welche er aufgrund seines Lungenleidens nehmen musste, gestorben (vgl. Benvenutti 2003), für nicht haltbar. Strychnin sei so bitter, dass es unmöglich sei, dieses Gift unbemerkt „untergeschoben“ zu bekommen. Casarrubeas Überlegung zu Folge könnte sich Pisciottas Tod folgendermaßen zugetragen haben: Pisciotta hielt sich am Morgen des Tages seiner Ermordung recht lange im Waschraum des Krankenhauses auf. Dabei traf er eine andere Person, welche ihm einen Fluchtplan vorgeschlagen hat. Gemäß dieses Plans sollte sich Pisciotta schreiend krank stellen sollte, dann in die Krankenstation gebracht werden, um von dort mit Hilfe eines eingeweihten Arztes zu fliehen. Der Plan gelang bis zur Krankenstation, dort jedoch verpasste ihm der anwesende Arzt eine Spritze, die Pisciottas Tod zur Folge hatte. Faktische Beweise gibt es nicht für diese Überlegung – ob sie deshalb zu verwerfen ist, will gut überlegt sein.

Erschlagen von den vielen hochinteressanten Informationen und desillusioniert über unser „starkes demokratisches Europa“ machten wir uns über die Berge von Montelepre auf den Nachhauseweg. Und es bleibt nur zu sagen: „Die Verlagerung der Thematik auf die Probleme des Mythos ergibt sich zwangsläufig aus der Entwicklung der Wissenschaftstheorie selbst. […] Dies war kein Plädoyer für den Mythos. Es war nur eines für die sachliche Auseinandersetzung mit ihm“ (Hübner 1985: 414).

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Anmerkungen:

1) Als sikuloamerikanisch wird die Mafia deshalb bezeichnet, da ihre Verbindungen ins weite Ausland und vor allem in die USA reichen. Das Phänomen „Mafia“ wurde in der großen Emigrationswelle im 19. Jahrhundert mit in die USA genommen und bis heute gibt es gute Vernetzungen.

2) „Allied Military Government of Occupied Territory (Alliierte Militärregierung in den besetzten Gebieten). Angedacht als Interimsregierung, die die Verwaltung einschließlich der Währungsausgabe der von den Alliierten befreiten europäischen Territorien übernimmt“ (vgl. Struthof).

3) Kurz nach dem Attentat gab es etwa. einen Monat später zahlreiche Überfälle auf linke Gewerkschafts- und Parteibüros in Sizilien mit dem Ziel, die Kommunisten einzuschüchtern. Der Vater von Giuseppe Casarrubea kam bei einer dieser Gewalttaten ums Leben. Dies war sicher mit ein Motiv für den Historiker die Hintergründe der terroristischen Gewalttagen gezielt mit Archivarbeit – auch in den USA – zurückzuverfolgen. Insgesamt starben bei den Anschlägen ca. 100 Personen.

4) Einige Namen nannte allerdings bei dem Prozess von Viterbo Gaspare Pisciotta.

http://sizilienexkursion08.de/berichte/salvatore-giuliano-und-das-mysterium-an-der-%E2%80%9Eportella-della-ginestra%E2%80%9C/


Literatur:

Casarrubea, Giuseppe (2002): Portella della Ginestra. Microstoria di una strage di Stato. Mailand

Giordano, Christian (1992): Die Betrogenen der Geschichte. Überlagerungsmentalität und Überlagerungsrationalität in mediterranen Gesellschaften. Frankfurt am Main.

Hobsbawm, Eric (1979): Sozialrebellen. Archaische Sozialbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert. Göttingen

Hübner, Kurt (1985): Die Wahrheit des Mythos. München

Lévi-Strauss, Claude (1967): Strukturale Anthropologie, Frankfurt am Main.

Puzzo, Mario (1986): Der Sizilianer. München.

Internet:
Struthof. Die Stätte des ehemaligen Konzentrationslagers Nattweiler

Informazioni su Giuseppe Casarrubea

Giuseppe Casarrubea (1946 - 2015), ricercatore storico. E' stato impegnato per anni in studi archivistici riguardanti soprattutto i servizi segreti italiani e stranieri. Ha pubblicato i risultati delle sue indagini con le case editrici Sellerio e Flaccovio di Palermo, Franco Angeli e Bompiani di Milano.
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Una risposta a Incontro con studenti Università Regensburg

  1. nachrichten ha detto:

    Wirklch sehr informativ! Werde aufjedenfall wieder kommen. Danke fuer den Beitrag.

    Gruss
    Andres

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